Vor zwanzig Jahren war ich ein ziemlich normales Kleinkind. Ich hatte keine Ahnung, dass sich mein Kindergarten genau am Leipziger Ring gegenüber des Neuen Rathauses befand und ich habe es wahrscheinlich nicht verstanden, warum mich meine Mutter an diesem Montag schon so früh abholte. Ich konnte ihre Aufregung nicht verstehen, die sie ergriffen hatte, seit ein ehemaliger Kollege, der zu dieser Zeit im Rathaus arbeitete, in ihr Büro gestürmt war und gesagt hatte: "Hol dein Kind. Heute gibt's Krieg!"
Ich habe die bis an die Zähne bewaffneten Soldaten und Kampfgruppen nicht gesehen, die sich in den Seitenstraßen zu postieren begannen, als meine Eltern, die Innenstadt meidend, mit mir nach hause fuhren. Ich hatte kein beklemmendes Gefühl, keinen Klos im Hals, so wie meine Mutter, die nur eins wollte: mich in Sicherheit bringen. Als am Abend in den Nachrichten klar wurde, dass es keine Gewalt gegeben hatte, lag ich schon im Bett. Erst jetzt, zwanzig Jahre später mit den Bildern im Fernsehen und den Erzählungen meiner Mutter, wird mir klar, dass auch ich ein winzig kleiner Teil der Geschichte war. Ich war der Grund dafür, dass meine Eltern an diesem Tag nicht dort auf dem Ring waren. Ich war ein Teil ihrer Angst, ein Teil des Druckmittels. Ein seltsames, beklemmendes Gefühl. Vielleicht eine Spur von dem, was meine Eltern empfunden haben mochten.
yours truely
covergirl
PS. Ich saß heute im Zug, als ich über mein Handy im Radio
die Rede von Werner Schulz hörte. Ich fuhr von West nach Ost.
_covergirl_ - 9. Okt, 23:38
Covergirl: "Manchmal hab ich ja das Gefühl, dass ihr gar nicht zu schätzen wisst, was man euch Gutes tut."
Freundin Bekannte Freundin: "Ja dann lass es doch."
Aha, so einfach ist das also. Eigentlich hat sie ja Recht. Wenn man das Gefühl hat, dass die eigene Arbeit nicht wertgeschätzt wird, sollte man sie entweder einstellen oder sich dankenswertere Objekte suchen. Aber für mich, ist es nicht so einfach. Ich tue die Dinge, die ich für meine Freunde tue, gerne. Auch dann wenn sie mit viel Aufwand und teilweise auch Kosten verbunden sind. Ich tue es, weil ich diese Menschen mag, weil ich ihnen eine Freude machen will und weil ich selbst Freude daran habe. Aber trotzdem möchte ich es nicht umsonst tun. Ich möchte hinterher nicht das Gefühl haben müssen nur ein besserer Dienstbote zu sein oder eine Bekloppte, die sich in etwas reinsteigert. Ich möchte einfach ein bisschen mehr Begeisterung und Freude, echte Dankbarkeit, auch wenn das, was ich mache nicht unbedingt verlangt war. Ich möchte etwas zurück bekommen.
Und ich frage mich, bin ich das Problem oder sind es die anderen? Bin ich zu naiv für diese Welt, weil ich das gleiche Gerechtigkeitsgefühl, das in mir steckt, in all meinen Mitmenschen vermute oder sind die anderen einfach undankbar? Übertreibe ich in meinen Ansprüchen oder sind die anderen wirklich so gleichgültig, wie es scheint. Sollte ich meinen Glauben daran, dass man im Leben stets das zurück bekommt, was man zu geben bereit ist, aufrecht erhalten oder mich damit abfinden, dass Undank der Welten Lohn ist? Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich es nicht "einfach lassen" kann.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 26. Sep, 00:31
Ich bin, wie man so schön sagt, eine gute Mischung. Ich habe viele Eigenschaften von meinen beiden Elternteilen, sowohl im Äußeren als auch im Charakter (wenn man das so sagen kann). Bei meiner Mutter und mir ist es einfach Parallelen zu finden: Die Mundpartie, die Stimmlage, die Redeweise, Gestik, die Liebe zu dämlichen romantischen Komödien. Mit meinem Vater Teile ich die Nase, den Hang zur Überpünktlichkeit, ein seltsames Gerechtigkeitsgefühl, das sich von dem meiner Mutter manchmal grundlegend unterscheidet, die teilweise kalt wirkende Verschlossenheit.
Am Wochenende fand ich ein altes Fotoalbum meines Vaters, das er angelegt hatte, als er in meinem Alter war. Und ich entdeckte seltsame neue Parallelen in den Kommentaren, die er an die Bilder geschrieben hatte. Sarkasmus, Selbstironie, diesen leichten Anflug von Arroganz, der eigentlich nur die eigenen Schwächen überspielen soll. Ich fand Witziges und Peinliches und Dinge, die mir gar nicht gefielen. Es war schön, etwas Neues zu erfahren, aber nie im Leben, werde ich ihn darauf ansprechen. Das wäre einfach nicht unsere Art.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 15. Sep, 14:52
Ich lese grade
diese Buch und als ich letzte Woche das Kapitel über die Zubereitung der Hummer las, runzelte ich ein wenig die Stirn ob der Schuldgefühle der Autorin, die sich als "Krustentiermörderin" verstand.
Ich finde, ich kann da mitreden, ich habe auch schon einen Hummer getötet und musste hinterher nicht therapiert werden.
Als ich letzte Woche mit einer Freundin darüber sprach, stellten wir fest, dass ich zwar kein Problem mit dem Töten, jedoch mit dem Ausnehmen der Viecher habe, es bei ihr jedoch umgekehrt ist. Wir planen jetzt ein gemeinsames Hummermenü.
Und natürlich kam das Übliche "Ich könnte das nicht" oder "Ich will davon gar nichts mitbekommen". Man bekommt automatisch ein schlechtes Gewissen eingeredet. Aber warum? Jedem ist klar, dass Tiere getötet werden müssen, damit man sie essen kann, aber nur die wenigsten möchten sich mit diesem Akt auseinandersetzen. Natürlich freue ich mich nicht per se auf die Hinrichtung, ich bin ja kein Sadist, aber ich habe auch echt kein Problem damit und werde auch nicht von Schuldgefühlen geplagt. Ich frage mich nur, ob es mich zu einem schlechteren Menschen macht, weil ich eben diese Schuldgefühle nicht habe?
Ist das Töten von Tieren zum Zweck des Verzehrens in unserer Gesellschaft schon so tabuisiert, dass man nichtmal mehr einen Witz darüber machen darf? Wann ist diese Doppelmoral aufgekommen und wie können wir sie wieder abbauen? Ich will es nicht auf das Plumpe "Wer Fleisch isst, muss es auch töten können" reduzieren. Aber ich finde, wir sollten aufhören dieses Thema in eine Ecke zu schieben und zu warten, dass sich andere darum kümmern. Schließlich soll man sich dem Problem ja stellen und ihm nicht ausweichen. Vielleicht lernt man beim Hummeressen ja noch was für's Leben.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 24. Aug, 19:04
Es ist der heißeste Tag des Jahres. Ich seh "Straßen flimmern, blühende Blumen." Meine Haut riecht nach Sonnencreme und es gibt "keinen Zentimeter", der sich nicht klebrig anfühlt. Wir stehen ganz vorne in der Masse und schwitzen, aber "immer nur das Schlechte seh'n geht schnell". Also "Augen zu" und "die Musik auf". Und plötzlich bin ich nicht mehr dort in der schreienden gröhlenden Menge, sondern "weit weg, out of space", lasse mich "gern ein Stück mitnehm" von dem charmant-spitzbübischen jungen Mann dort auf der Bühne. Und als die "kleine Welt ganz groß ist", drehe ich mich zu meiner Begleitung um und weiß, "wir sind dabei". Die Zugabe kommt und ich hab "kein Bock zu gehn".
Der schmerzende Rücken, die wunden Füße und die geschundenen Knie, erinnern mich beim Aufstehn, "ich war so sehr dabei"!
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 22. Aug, 00:45
Freundschaften funktionieren meist nach einem simplen Prinzip. Wenn einer ein Problem hat, versucht der andere zu helfen. Das funktioniert in den meisten Fällen auch mehr oder weniger problemlos. Dabei kann es Freundschaften geben, die was die Problemschwere angeht, recht ausgeglichen sind und welche, bei denen es eine klare Rollenverteilung gibt. Das ist auch okay, ich bin auch besser darin mit meinen Freunden über ihrer Probleme zu reden als über meine eigenen. Aber irgendwann verliert man sich selbst in der Rolle des Problemlösers und übernimmt mehr Verantwortung als man tragen kann. Und wenn trotz aller Bemühungen etwas schief geht oder sich nichts ändert, findet man sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert: "Hätte ich es ändern können."
Darauf gibt es keine befriedingende Antwort, da wir nichts haben außer der momentanen Situation mit der wir arbeiten können.
Aber wer hilft uns, wenn wir das Gefühl haben als Freund versagt zu haben oder nicht den Erwartungen zu entsprechen? Wer therapiert die Therapeuthen? Wer hilft den Helfern?
yours truly
_covergirl_ - 14. Aug, 03:23
Es war der typische Mittzwanzigergeburtstag mit den üblichen Verdächtigen. Da waren die alten Freunde, die neuen Freunde, das obligatorische Familienmitglied, die Pärchen und wir. Die bösen Mädchen. Bereits vor der Buffeteröffnung war uns klar, dass wir schleunigst anfangen mussten, zu trinken, um die unglaubliche Langeweile wegzuspülen, die von den Perlenpaulas mit ihren Anhängen ausging. Wenn sich an einem Freitagabend in den Semesterferien die Gespräche vornehmlich um die Uni und die weitere Zukunftsplanung drehen, läuft definitiv etwas schief. Einen Berg Nudelsalat und zwei Stücke Kuchen später fanden wir uns im Raucherzimmer wieder. Die einen, weil sie ihrer Sucht fröhnen wollten und die anderen, weil sie nicht allein in der Gefahrenzone bleiben wollten. Spätestens als ich das typische „Von-einem-Teller-essen“-Ritual beobachtet hatte, war mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Also fingen wir an Cosmopolitans zu mixen (bis auf den vergessenen Cranberrysaft, der Gott sei Dank von der Gastgeberin gesponsort werden konnte, hatten wir uns vorsorglich alles Zutaten selbst mitgebracht). Nach dem zweiten Cosmo waren wir reif für strahlendere Zeiten...also holte die Gastgeberin Zimt, Orangen und Tequila Gold. Ich staunte nicht schlecht, als sich tatsächlich eine Perlenpaula zum Trinken animieren ließ. Die männlichen Accessoires lehnten dankend ab und gaben vor nichts trinken zu wollen, aber viel wahrscheinlicher war wohl, dass Frauchen – pardon Freundin – etwas dagegen hatte. Nach dem zweiten Tequila und einigen kritischen Blicken aus den Feindesreihen, verzogen wir uns wieder ins Raucherkabinett und warteten ab. Wie ich es prophezeit hatte, verschwanden sämtliche Pärchen, nebst Verwandschaft und alter Freundin so gegen elf. Man müsse morgen früh raus. Wir beschlossen, endlich mit der Party anzufangen und nach gefühlten zehn weiteren Tequila, landeten wir zu sechst in einem Kleinwagen auf dem Weg zum nächsten Club. Und während die Perlenpaulas friedliche schlummerten, taten wir das wofür wir gekommen waren: wir feierten. Wir feierten das Geburtstagskind und uns, die wir irgendwie immer ein wenig zu laut, ein wenig zu trinkfest und ein wenig zu unanständig sind. Wir feierten unsere Freiheit, unseren guten Musikgeschmack, unsere Einzigartigkeit und unsere Freundschaft. Und dazu passten nun wirklich keine Perlen.
_covergirl_ - 3. Aug, 16:29
Ich habe gestern etwas begriffen. Ich habe begriffen, warum unten bereits erwähnter Freund einer bestimmten großen Partei angehört. Er hielt einen kleinen Vortrag darüber, was uns dazu bewegen sollte, eine Partei zu wählen, worüber man sich als "Erstwähler" denn so Gedanken machen müsste. Er sprach vom Menschen-, Welt- und Gesellschaftsbild und plötzlich begriff ich, dass er tatsächlich von dem überzeugt ist, was er so predigt, wenn man ihn lässt. Dass er tatsächlich dieses Weltbild hat. Und dann wurde mir klar, dass mein Weltbild, mein Menschenbild und vor allem meine Vorstellung einer idealen Gesallschaft und meine Vorstellung davon, was für eine Rolle der Staat spielen sollte eine völlig andere ist. Und irgendwie hat mich diese Erkenntnis erleichtert.
Nichtsdestotrotz frage ich mich, wie es dazu kommt, dass wir so unterschiedliche Vorstellungen haben.
Also fing ich an, die spärlichen Informationen, die ich über seine Kindheit und seine Familie habe mit meiner Biografie zu vergleichen. Ich fragte mich, ob wir das selbe Weltbild hätten, wenn wir in der jeweils anderen Familie aufgewachsen wären.
Und dann fragte ich mich, wählen wir wirklich unser Weltbild oder nur unsere Erziehung? Und inwieweit kann man das eine eigentlich vom anderen unterscheiden? Wenn ich die Gesellschaft und meine Vorstellung von ihr wirklich erfassen will, muss ich dann nicht von Zeit zu Zeit aus meiner sozialen Schublade ausbrechen und mir alles mal angesehen haben? Oder sollte ich mich einfach stets daran erinnern, woher ich komme und wer ich bin?
Tja, ich habe keine Ahnung, aber ich bin durchaus bereit darüber zu diskutieren, solange es nicht in einen Wahlwerbespot ausartet.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 27. Jul, 21:26
Covergirl: "Also, Freund worüber soll ich denn mal schreiben, damit du einen Kommentar hinterlässt?"
Freund: "Ach, es geht gar nicht so sehr um die Themen..."
Covergirl: "Mhh, also mehr um den Stil? Ist es dir zu weiblich?"
Freund: "Na ja, es ist so hyperreflektiert, typisch Frau eben."
Ich hab das Ganze mal paraphrasiert. Wir kamen zu dem Schluss, dass Frauen wohl meist zu viel über alles nachdenken und Männer - na ja eben nicht so oft. Ist es im Grunde das, was uns unterscheidet? Wächst unsere Weiblichkeit proportional mit der Menge der Gedanken in unserem Kopf? Erkennt man eine echte Frau daran, dass sie sich ständig über alles und jeden den Kopf zerbricht, sich ständig auf der Suche nach versteckten Zeichen macht und alles interpretieren muss? Und bin ich wirklich so? Bin ich tatsächlich manchmal ein bisschen überreflektiert?
Ich werde dem auf den Grund gehen und so lange versuche ich einfach nur zu schreiben...
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 27. Jul, 16:53
"Vielleicht bist du einfach zu großzügig in deiner Bereitschaft zu Helfen"
sagte eine Freundin, als ich mich bei ihr über den Mangelnden Elan zweier anderer Freunde Bekannter ausließ.
Ich dachte kurz darüber nach. Bin ich vielleicht das Problem? Empfinde ich das Genörgel der anderen nur als so unangemessen, weil ich ein viel zu großherziger Mensch bin, der nicht "Nein" sagen kann? Lasse ich mich vielleicht ausnutzen? NEIN! Ganz gewiss nicht!
Wenn ich meine Hilfe für etwas zusage, dann gewähre ich diese auch und zwar ohne zu jammern oder mich zu beschweren. Und wenn ich einer Freundin helfe, dann tue ich das nicht, weil ich mich dazu verpflichtet fühle oder weil ich weiß, dass ich dann irgendwann mal was von ihr verlangen kann, sondern weil ich ihr eben gern helfe. Weil es trotz der Arbeit nämlich Spaß macht, weil man eben nicht nur eine Bekannte ist, sondern eine Freundin.
Und wenn es dann auch noch um deren Geburtstag geht und nicht einfach nur um irgendeine Schnapsidee, die sie sich in den Kopf gesetzt hat, dann verstehe ich noch viel weniger, wie man sich von seinem eigenen Stolz leiten lassen kann.
Und dabei bedeutet Freundschaft nicht, sich selbst zurück zu nehmen und nur zum Gehilfen eines anderen zu werden, sondern sich selbst mit all seinen Ideen und all seiner Hingabe einzubringen. Denn sonst könnte man auch irgendwen von der Straße um Hilfe bitten und bräuchte keine Freunde mehr.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 22. Jul, 09:59
...hang it up, daddy,
or you'll be alone in a quick
Wir alle haben unsere Prinzipien unsere Ideale und Ansichte, unsere ganz persönlichen Vorstellungen von der Welt und unserem Leben. Wir brauchen sie, um unseren Weg zu finden, nicht in der Fülle von Möglichkeiten, die das Leben für uns bereit hält unterzugehen. Wir halten uns an unseren Leitfaden und nennen es Konsequenz.
Was aber, wenn uns etwas passiert, dass nicht in unser Schema passt, etwas an das wir kein Raster anlegen können? Sollten wir es ignorieren und eben als Ausnahme hinnehmen? Sollten wir uns an unsere Prinzipien halten und "das Richtige tun"? Oder sollten wir uns von Zeit zu Zeit mal auf etwas einlassen, das nicht unseren Vorstellungen entspricht, das uns vielleicht nicht ins Konzept passt? Und können wir das überhaupt? Wenn ich davon übezeugt bin, dass die Autobahn der einzige Weg ist von A nach B zu kommen, warum sollte ich die Landstraße probieren?
Vielleicht einfach, um herauszufinden, ob es nicht doch auch so möglich ist, ein Ziel zu erreichen. Vielleicht anders als gedacht, aber doch mit dem gleichen Ergebnis.
Ich behaupte nicht, dass es einfach ist von seinen Idealen abzurücken, sie sind ein prima Schutzschild, aber wenn ich die Augen vor allem verschließe, an was ich nicht glauben will, dann muss ich mich nicht wundern, wenn ich irgendwann allein auf der Autobahn bin.
yours truly
covergirl
_covergirl_ - 25. Jun, 14:13